Charmanter Geheimtipp in Italiens Norden

 

Bild oben: Bergamos Altstadt

Das norditalienische Bergamo ist noch immer ein Geheimtipp – wohl auch, weil das lombardische Städtchen ein wenig von der Strahlkraft des nahe, südwestlich gelegenen Mailand überschattet wird. Dabei empfiehlt sich gerade eine Kombination beider Städte: Hier Metropolenflair, dort entspanntes Genießen und Flanieren. Aber auch ein Besuch der charmanten Stadt alleine lohnt – fand auch schon der Dichter Hermann Hesse, der im Jahr 1913 Bergamo für sich entdeckte.

 

Ein Aperitiv namens Donizetti

Auffälligstes Merkmal ist die Teilung der Stadt in einen unteren Teil „Città Bassa“ und die auf einem Hügel gelegene „Città Alta“, ein sanfter Ausläufer der Alpen. Alleine diese Oberstadt, von historischen Stadtmauern aus dem 16. Jahrhundert umsäumt, ist absolut sehenswert. Wer hier im Unesco-Weltkulturerbe umher spazieren will, kann zwar versuchen, unterhalb einen Parkplatz zu ergattern – viel stimmungsvoller ist es jedoch, sich mit der kleinen Seilbahn hinaufbefördern zu lassen, am besten gleich auf die oberste Station, den Hügel San Vigilio.

Blick auf die Oberstadt

Schon während der gemächlich verlaufenden Fahrt kann man den Blick entspannt hinunter in die Unterstadt und weiter in die Poebene schweifen lassen. Dass man umgehend nach der Ankunft einer Stärkung bedarf, dazu verführt leicht schon die atemberaubende Lage der Restaurant-Terrasse des „Baretto“ gleich neben dem Halt der Funicolare.

Von einem lauen Lüftchen umweht, überblickt man von hier aus die gesamte Unterstadt. Die Küche lockt mit heimischen Spezialitäten und Weinen und mit einer Ouvertüre für den anschließenden Rundgang durch die Oberstadt von Bergamo: „Donizetti“ heißt der Aperitiv, der neben dem obligatorischen Aperol Sprizz auf der Getränkekarte steht – eine beschwingende Reminiszenz an den berühmten Sohn der Stadt.

So eingestimmt, kann man von hier aus gemütlich aufwärts zum kleinen botanischen Garten schlendern, der neben exotischen und heimischen Gewächsen wiederum beste Aussichten auf die umliegenden Ansiedlungen bietet. Der steigert sich zum phantastischen Fernblick, steigt man noch ein wenig höher Richtig Kastell.

Eine Station weiter unten auf dem Hügel lässt es sich flanieren in verschlungenen schmalen Gässchen, die sich seit vielen Hundert Jahren nicht verändert zu haben scheinen. Ein hübsches kleines Zentrum bildet die Piazza Vecchia. Hier steht nicht nur das mittelalterliche Rathaus samt Stadtturm, sondern auch eine vor Kurzem aufwendig umgebaute Unterkunft.

Cocktail mit Aussicht auf Bergamo

Die Architekten des Relais San Lorenzo haben das Kunststück vollbracht, uralte Gemäuer ins Hotelgeschehen zu integrieren – wie es man im Bar- und Restaurantbereich besonders eindrucksvoll erleben kann. Wer hier speist oder einen Drink nimmt, befindet sich inmitten der Ausgrabungen und atmet sozusagen geschichtumwobenes Flair. Von außen gibt sich die Herberge, die zu den Small Luxury Hotels oft the World zählt, bescheiden und ordnet sich den Gegebenheiten des historischen Platzes unter.

Flanieren wie vor hunderten Jahren

Weiter geht es über die romantisch verwinkelte Hauptflaniergasse Via Bartolomeo Colleoni, die in die Via Gombito übergeht. Hier reihen sich kleine Boutiquen, nette Souvenirläden, kleine Restaurants und Spezialitätengeschäfte aneinander.

Süße Versuchung – sieht nur aus wie eine Polenta

Eine Genusspause sollte man unbedingt im Caffé Cavour 1880 einlegen. In den Vitrinen des stimmungsvollen Traditionscafés lockt inmitten vieler anderer Leckereien die bekannteste von Bergamos Süßigkeiten – und das in Mini-Form: die Polenta e Osei. Der Clou am Gebäck: Es tut nur so, als sei es das frühere Arme-Leute-Gericht Polenta, besteht jedoch stattdessen aus einem gehaltvollen marzipanummantelten Biskuit-Teig, zur Zierde kommt ein Marzipanvögelchen mit Schokoüberzug obendrauf.

Nebenan befindet sich eine weitere bemerkenswertes Unterkunft: Das Gombithotel hat ebenfalls den Spagat vollbracht, historische Mauern in den modernen Aufbau zu integrieren. Kombiniert mit schick designtem Interieur ergibt das eine stimmungsvolle Atmosphäre, ein wenig, als ob Geschichte mit viel Respekt ins Heute transformiert wäre.

Domkuppel

Pilgern zum Donizetti-Grab

Ein weiterer Platz, die vergleichsweise kleine Piazza del Duomo, zieht Touristen in Scharen an, denn hier schmiegen sich gleich mehrere prächtige Sakralbauten aneinander. Zum einen der Dom von Bergamo, die Cattedrale di Sant‘ Alessandro Martire mit ihrer prächtigen Kuppel, ein Sakralbau, dessen Grundmauern bereits im 15. Jahrhundert gelegt wurden.

Neben der klassizistischen Fassade der Kathedrale befindet sich die üppig verzierte Cappella Colleoni mit dem Grabmal des gleichnamigen Generals aus dem 15. Jahrhundert samt Familie aus der Renaissance. Daran wiederum schließt sich das Südportal der romanischen und bis zum Barock erweiterten Kirche Santa Maria Maggiore an. Hier ist auch der musikalische Säulenheilige der Stadt begraben: der Komponist Gaetano Donizetti.

Kunstliebhaber werden außerdem in der Kirche San Michele al Pozzo Bianco weiter im Osten fündig: Hierher pilgern Kenner vor allem wegen der berühmten Fresken von Lorenzo Lotto in der Marienkapelle. Ein Blick auf den Boden lohnt sich auf dem Vorplatz des Doms, denn hier befindet sich eine uralte Sonnenuhr, dessen Konstruktion Touristengruppen und Schulklassen auf den Grund zu gehen versuchen.

Wer in der Cooperativa mit seinem großen Garten mit den zahlreichen Einheimischen speist, der wird wiederum an nur allzu weltliche Geschichten erinnert: Vom großen Speisesaal aus überblickt man den ehemaligen Gefängnishof.

Traditionsbar Cavour

Bummeln und schlemmen in der Unterstadt

Zentrale Verkehrsachse von der Ober- zur Unterstadt ist die Viale Vittorio Emanuele. Auch die Unterstadt lohnt ausgiebige Bummel; von der Viale Vittorio Emanuele gehen kleine historische Gassen aus, in denen es sich trefflich einkaufen, rasten und ein Caffé mit oder ohne Cornetto nehmen lässt.

Angesichts etlicher verlockender Interiordesign-Geschäfte mit so geschmackvollen wie originellen Einrichtungsgegenständen schätzen sich diejenigen glücklich, die statt Flugzeug oder Zug das Auto gewählt und somit genug Stauraum für ihre Einkäufe haben. Sehenswert für Kulturfreunde ist hier außerdem die Gemäldegalerie Accademia Carrara, die Werke von Größen wie Raffael, Rubens oder Boticelli ausstellt.

Musikalische Freuden wiederum verspricht das Donizetti-Stadttheater, wo jeden Herbst gleich mehrere Opern des berühmtesten Sohnes der Stadt aufgeführt werden. Da hier gerade umgebaut wird, weicht man derzeit aufs Teatro Sociale aus.

Restaurant Mille Storie & Sapori

Wer „Unten“ gut und nach bergamaskischer Tradition essen will, trifft mit dem Mille Storie & Sapori in der Verlängerung der Viale Vittorio Emanuele, der Viale Papa Giovanni XXIII, eine gute Wahl. Zum einen wegen der mehr als reichhaltigen Auswahl an Weinen: Aus 450 Sorten trifft Besitzer Gianpaolo Stefanetti die richtige Wahl zum Essen.

 

Herr über 450 Weine – Gianpaolo Stefanetti

Immer eine gute Wahl: der Franciacorta, ein lokaler Schaumwein. Was Stefanetti auftischt, fußt auf lokalen Spezialitäten, zum Beispiel der typischen Pasta „Casonsèi alla Bergamasca“, eine Art Ravioli mit unterschiedlichen Füllungen, die bei Gianpaolo beispielsweise aus Birnen, Salami, Brot und einem Hauch Amaretti komponiert ist.

Oder was den Einsatz von heimischem Käse zum Beispiel im Zusammenspiel mit cremiger Polenta betrifft, von denen Taleggio, Gorgonzola oder der Rohmilchkäse Bitto nur einige sind – und das in immer neuen Variationen, getreu dem Motto des Lokals „Mille Storie e Sapori“, tausend kulinarische Geschichten und die Aromen dahinter.

Abstecher nach San Pellegrino

Auf dem Nachhauseweg bieten sich verschiedene Abstecher an: Etwa ins rund 25 Kilometer entfernte Brembana-Tal nach San Pellegrino. Den Ort verbinden die meisten mit dem allseits bekannten, sanft sprudelnden Trinkwasser – dabei birgt San Pellegrino einen weiteren großen Schatz: Zahlreiche Gebäude im Stil der Belle Epoque lassen hier das Herz von Freunden des Jugendstils höher schlagen.

Die Berge sind so nah

Und wer dort außer dem Sinn für Schönes zugleich seinem Körper Gutes tun will, kauft sich ein Ticket für die vor drei Jahren neu eröffneten Thermalquellen. Soll es besser ein idyllisch gelegener See sein? Dann sollte man sich den Lago d’Iseo auf dem Heimweg nicht entgehen lassen.

Erst seit Christos Kunstaktion „Floating Piers“ im Jahr 2016 ist der Iseo-See ins Bewusstsein von Besuchern gerückt. Inzwischen sind die Touristenströme abgeebbt, und längst ist hier wieder entspannte Ruhe eingekehrt. Da muss man auf der Piazza von Iseo lange warten, bis man ein deutsches Wort hört – im Gegensatz zum nahen Gardasee.

Unesco Weltkulturerbe: Bergamos Oberstadt

Tipps für die Oberstadt

Ristorante Baretto, Via al Castello 1, http://www.barettosanvigilio.it, (am Berg San Vigilio; letzter Halt der Funicolare); Cavour Bar – Pasticceria, Via Gombito 7, http://www.davittorio.com/caffe;Cooperativa Il Circulino – Bar, Ristorante, Pizzeria, Birreria, Vicolo Sant’Agata 19, http://www.ilcirculinocittaalta.it; Relais San Lorenzo, Piazza Mascheroni 9A, http://www.relaisanlorenzo.com; Gombithotel, Via Mario Lupo 6, http://www.gombithotel.it

Franciacorta und andere Schaumweine

Tipps Unterstadt

Accademia Carrara, Gemäldegalerie, Piazza Giacomo Carrara 82; Mille Storie & Sapori – Restaurant und Weinbar, Viale Papa Giovanni XXIII. 18, http://www.millestoriesapori.it;I Giardini di Giava – Interiordesign und Blumen, Via San Tomaso 94, http://www.giardinidigiava.it; Perpetua Bergamo, Interiordesign, Via Borfuro 3, http://www.perpetuabergamo.com

Informationen und Führungen

Visit Bergamo, http://www.visitbergamo.net; Führungen mit Elke Sander, 0039 035 257722, elkesole@virgilio.it

Text und Bilder: Marion Vorbeck

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